Die Luft ist kühl, der Asphalt noch leicht feucht, und irgendwo hinter der Leitplanke wärmt die Sonne gerade erst die Reifen an. In diesem Moment trudelt die Nachricht herein: Der traditionsreiche Car of the Year‑Jurykreis – eine Institution seit den mittleren 60ern – hat seine sieben Finalistinnen für 2026 fixiert. Veröffentlicht am 31. Oktober, nüchtern wie ein Amtsblatt, aber mit diesem leisen Knistern, das Autofans kennen. Keine Sensationen, dafür viel Hausverstand. Also: Wetten werden angenommen.
Seit 1964 trifft sich Car of the Year (COTY), fährt, vergleicht, diskutiert – und verteilt Punkte, nicht Komplimente. 60 Fachjournalisten aus 23 europäischen Ländern, jeder mit 25 Zählern im Gepäck, maximal 10 pro Auto, um ein Ranking zu meißeln, das man nicht mal eben im Konfigurator zusammenklickt. Das passiert nach langen Stunden im Sattel, bei Wetter, das sich nicht um Pressefotos schert, und Straßen, die jede Pose entlarven. Heuer war das Feld breit wie eine Autobahnbaustelle zur Ferienzeit: Alpine A390, Audi Q3, Citroën C5 Aircross, Dacia Bigster, Hyundai Ioniq 9, Nissan Leaf, Mercedes CLA, Toyota C‑HR+ – und noch ein paar, die das Blech nicht bis zur Engstelle brachten. Nach dem großen Vergleich im September, dem berüchtigten Tannistest in Dänemark, hat das Gremium den Stift angesetzt und die Liste auf sieben Kandidatinnen eingedampft. Sieben Autos, die – so der Konsens – alles mitbringen, um Europas Krone heuer zu schultern.
Kaum Überraschungen
Wer die Märkte beobachtet, reibt sich nicht die Augen: Strom spielt vorne. Kia EV4, Škoda Elroq, Renault 4 – drei Charaktere, drei Strategien, ein leises Surren im Hintergrund. Und dann die Grenzgängerinnen, die sich nicht festnageln lassen wollen: Multi‑Energie‑Konzepte, die mit Verbrenner (mit und ohne Hybridunterstützung) und vollelektrisch auftreten – Citroën C5 Aircross, Fiat Grande Panda, Mercedes‑Benz CLA. Selbst Dacias großer Hoffnungsträger Bigster, eigentlich ein pragmatisches SUV durch und durch, hat neben den „klassischen“ Motoren eine effiziente Hybridvariante im Köcher – und als Sahnehäubchen eine Autogas‑Option, die beim Tanken das Portemonnaie freundlich anlächelt. Vernunft ist diesmal keine Nebenrolle. Sie gibt den Ton an.
Die offizielle Shortlist für das Auto des Jahres 2026:
- Citroën C5 Aircross
- Dacia Bigster
- Fiat Grande Panda
- Kia EV4
- Mercedes-Benz CLA
- Renault 4
- Skoda Elroq
Welches Modell macht das Rennen?
Schon beim ersten Durchscrollen zuckt der Stift Richtung Wettzettel. Die Renault 4? Schwer vorstellbar, dass sie den Hattrick vollendet. Die R5 E‑Tech hat im Vorjahr die Bühne erobert, der Scénic holte 2024 den Pokal – zweimal en suite Renault. „Nie zwei ohne drei“, sagt man gern am Stammtisch. Aber diese Neuinterpretation der 4L wirkt weniger zwingend als die famose Rückkehr der Fünfer. Man hört die Idee, doch der Ton hallt nicht ganz so lange nach.
Und der Dacia Bigster? Der Preis sitzt sportlich tief, das Raum‑ und Komfortangebot liegt sichtbar über dem kleineren Bruder Duster. Das riecht nach Verkaufserfolg – und zwar massiv. Ob das dem Juryherz reicht? Nicht immer gewinnt das günstigste Angebot, manchmal setzt sich das stimmigste Paket durch. Der Bigster fühlt sich an wie ein ehrlicher Arbeiter in sauberen Handschuhen: robust, freundlich, geradeheraus. Ob er auch die letzten Prozent Emotion zündet?

Unsere innere Stoppuhr bleibt trotzdem an zwei Stellen hängen. Erstens: Mercedes‑Benz CLA. Diese CLA wirkt wie ein Langstreckenläufer, der überraschend auch Sprint kann. In der Elektroausführung wurden bei den ersten Testfahrten Verbrauch und Effizienz gelobt – fast 800 Kilometer Reichweite, sagt das Datenblatt. Auf der Straße fühlt sich das an wie tiefe Atemzüge statt kurzer Hechelei: Sie gleitet, sie spart, sie kommt an, ohne ständig nach Steckdosen zu schielen. Mit den bald startenden Mild‑Hybrid‑Varianten dürfte die Preisliste zudem etwas freundlicher grüßen – und damit ein Kritikpunkt leiser werden: der salzige Einstieg. Ja, die CLA ist kein Schnäppchen. Aber sie verhandelt den Preis mit Technik, die etwas kann, und einem Auftritt, der nicht um Applaus bettelt. Sie nickt nur – und fährt.
Zweitens: der neue Citroën C5 Aircross. Der Franzose setzt weniger auf Trommelwirbel, mehr auf entspannte Schultern. Die technische Basis? Bekannt, bewährt – das ist keine Schwäche, eher ein ruhiger Puls. Das Fahrgefühl? Weich ohne schwammig zu sein, diese Citroën‑typische Art von Komfort, die Wellen nicht bricht, sondern sie glattzieht. Er hat allerdings etwas verloren, das viele mochten: die drei einzeln verschiebbaren Rücksitze mit echter Alltagsmagie. Schade. Aber der Preis rückt ihn angenehm nah an die Realität heran – oftmals günstiger als die stellantis‑internen Verwandten und als manch Konkurrent, der auf Premium macht und dennoch nicht mehr kann. Hier spricht der Hausverstand – und ein wenig Charme, der nicht laut sein muss.
Pragmatische Kandidatinnen
Drei weitere Namen stehen für eine sehr heutige Form von Vernunft, die nicht trocken schmeckt. Kia schickt den EV4 ins Rennen. Die Marke hat das Spiel begriffen: Nach dem EV3, der 2025 mit 291 Punkten Zweiter wurde, und vier Jahre nach dem Triumph der EV6 folgt jetzt der Mittelweg – kompakt genug für die Stadt, ernst genug für die Langstrecke. Der EV4 fährt sich wie ein gut trainierter Allrounder: leichtfüßig beim Einparken, stabil beim Autobahnbogen, nie nervös, aber bereit, wenn man fordernd wird. Man spürt, dass Kia seine Elektro‑Hausaufgaben längst nicht mehr im Bus macht, sondern pünktlich abgibt.
Der Škoda Elroq könnte der geheime Favorit sein. 4,49 Meter, also kompakt im Maßband, groß im Innenraum – dieses typisch böhmische Platzwunder, das aus dem Nüchternen ein Talent macht. Ein stimmig geschnürtes Paket, das in der Einstiegsversion unter 35.000 Euro starten soll. Das ist kein Kampfpreis, das ist ein freundliches „Setz dich rein, wir kommen schon zusammen“. Wenn der Elroq hält, was die Daten verheißen, könnte er die erste Škoda‑Krone bei COTY holen. Man würde es ihm zutrauen: Er ist der stille Typ, der im Hintergrund zuhört, alles notiert – und am Ende die Lösung präsentiert.
Und dann Italien, wo man aus Alltäglichem gerne kleine Feste baut. Fiat will seinen zehnten COTY‑Titel – neun sind zwischen 1967 und 2008 schon eingefahren. Die Grande Panda setzt genau dort an, wo Fiat stark ist: herzlicher Auftritt, pfiffige Formen, Technik von bodenständig bis elektrisch, und ein Preis, der nicht versucht, Design als Deckmantel zu verkaufen. Sie ist die Cousine der Citroën C3, die 2025 Dritte wurde – und sie bringt dieses schelmische Grinsen mit, das sagt: „Ich bin klein, aber ich kenne die Stadt besser als du.“ Ob Thermik, Mild‑Hybrid oder Batterie – die Grande Panda fühlt sich an, als wäre sie immer genau da, wo sie hingehört: vor dem Kindergarten, am Seeufer, in der engen Gasse mit dem alten Kopfsteinpflaster. Sie macht keine großen Reden. Sie liefert.
Eure Tipps, bitte!
Es steht noch eine finale Prüfungsrunde an. Spanien ruft: der Kurs von Castellolí, dazu Landstraßen rund um Barcelona, wo Fahrwerke reden und Bremspedale Geschichten erzählen. Danach tagt der Jurytross noch einmal, Punkte werden verteilt wie Karten beim Tarock – und die Siegerin steht fest. Am 9. Jänner 2026, zur Eröffnung des Brüsseler Autosalons, fällt der Vorhang. Dort findet die Wahl inzwischen statt, seit Genf sich verabschiedet hat. Und ihr? Welches Lenkrad würdet ihr zur Königin küren?
Fotos: Motornews
Bleibt dran: Wer nichts aus der Auto‑ und Zweiradwelt verpassen will, folgt dem Tacho – nicht dem Zufall.
