Der Regen hängt schwer in der Luft, die Straße glänzt wie frisch poliertes Aluminium, und doch – unter der rechten Fußspitze passiert etwas, das nicht passieren sollte. Ein kurzer Zucken, ein leiser Ruck, als würde der Antrieb kurz nachdenken, bevor er wieder greift. So fühlt sich ein Technikfehler am Steuer an. BYD, der chinesische Riese der Stromer, ruft jetzt mehr als 115.000 Fahrzeuge zurück. Der größte Rückruf der Firmengeschichte. Nicht aus Panik, sondern nach genauer Prüfung durch die staatlichen Behörden in China – und mit dem Eingeständnis, dass Wachstum Tempo macht, aber Qualität Rhythmus braucht.
BYD wächst in China wie ein Hefeteig in der Sonne, schnell und selbstbewusst. Im Vorjahr hat die Marke sogar Volkswagen an der Spitze abgelöst. Das beeindruckt – und macht nervös. Denn wenn der Absatz sprintet, darf die Sorgfalt nicht schlendern. Genau hier setzt diese Geschichte an.
Zwei getrennte Rückrufe wegen gravierender Technik-Schwächen
Am Freitag, dem 17. Oktober 2025, hat BYD seinen Rückrufplan bei der Staatlichen Marktregulierungsbehörde (SAMR) eingereicht. Zwei Aktionen, sauber getrennt – aber beide mit ernstem Ton.
Der erste Rückruf betrifft 44.535 Fahrzeuge der Baureihe Tang, allesamt Plug-in-Hybride, gebaut zwischen 28. März 2015 und 28. Juli 2017. Das Problem sitzt im Kopf des Antriebs: Komponenten sind so ausgelegt, dass der Steuerblock des Traktionsmotors ins Stolpern geraten kann. Im Extremfall brennt die Leiterplatte förmlich aus – Ende Gelände, der Wagen ist nicht mehr fahrbereit. Am Lenkrad übersetzt sich das in Misstrauen: Der Antrieb will, dann will er nicht, dann wird’s still. Genau die Art Stille, die man in einem Auto nicht hören möchte.
Die zweite Aktion trifft 71.248 rein elektrische Yuan Pro, gebaut zwischen 6. Februar 2021 und 5. August 2022. Hier geht’s ums Dichten – oder besser: ums Nicht-dicht-Sein. Wasser kann in das Batteriemodul eindringen. Keine Flut, aber genug Feuchtigkeit, um Kurzschlüsse zu riskieren und die Zellen schneller altern zu lassen. Wer das schon einmal erlebt hat, erkennt das Gefühl: Das Auto fährt wie immer, aber innerlich zieht es die Schultern hoch. Unsichtbar – und genau deswegen heimtückisch.
Technische Abhilfe und gratis Reparatur – ohne Wenn und Aber
BYD verspricht: Alles wird in den Vertragswerkstätten kostenlos in Ordnung gebracht. Für die Tang-Modelle heißt das: Der defekte Steuerblock des Traktionsmotors wird repariert oder getauscht. Klar, nüchtern – aber entscheidend. Danach reagiert der Antrieb wieder wie ein guter Barkeeper: schnell, unaufgeregt, zuverlässig.
Beim Yuan Pro geht’s an die Nahtstellen. Die Techniker tragen eine spezielle Dichtmasse auf, verstärken die Abdichtung des Batteriekastens und nehmen die empfindlichen Übergänge unter die Lupe. Nicht spektakulär, aber wirksam. So, wie man die Regenrinne am Haus flickt – und plötzlich sind die Sturmnächte wieder egal.
Der Yuan Pro selbst ist bereits Geschichte; seit Februar 2024 rollt in China sein Nachfolger, der kompaktere Yuan Up. Darunter positioniert, darüber der Yuan Plus – außerhalb Chinas unter dem Namen Atto 3 unterwegs. BYDs Modellpolitik wirkt wie ein rascher Taktwechsel: aus Fehlern lernen, nachschärfen, weitermachen. Eine stille Kurskorrektur, merkbar vor allem dann, wenn man die Baureihen nacheinander fährt.
Rückrufe im Serienformat – und die Frage nach der Qualität
Wer glaubt, das sei ein Ausrutscher, hat die Chronik nicht gelesen. Im September wurden bereits knapp 100.000 Dolphin und Yuan Plus zurückgerufen – auch dort ging’s um neuralgische Punkte. Und im Jänner traf es 6.843 Plug-in-SUVs der Premiummarke Fang Cheng Bao. Man kann es drehen und wenden: Die Häufung ist auffällig.
Worum geht’s eigentlich? Um die kritischen Nervenbahnen eines E-Autos: die Traktionselektronik, die Dichtigkeit rund um die Batterie, also um jene Teile, die Sicherheit, Zuverlässigkeit und Vertrauen definieren. Wenn hier der Zweifel aufkommt, fährt er mit – selbst wenn der Wagen brav beschleunigt und die Rekuperation sauber zupackt.
- September 2024: 100.000 Dolphin und Yuan Plus in der Werkstatt
- Jänner 2025: 6.843 Plug-in-SUVs von Fang Cheng Bao betroffen
- Oktober 2025: 115.000 Tang und Yuan Pro werden zurückgerufen
Das ist keine Anklage, eher eine Mahnung. Wer so schnell wächst wie BYD, muss die Qualitätskultur doppelt festzurren. Sonst wird aus Tempo Raserei – und aus Vorsprung Ballast.
Was das international für BYD bedeutet
Der Zeitpunkt ist heikel. BYD setzt stark auf die Expansion jenseits der Heimat – Europa, Südostasien, neue Märkte, neue Chancen. Gleichzeitig die erste Absatzdelle im September 2025 seit Februar 2024. Innen Konkurrenzdruck von Geely, Xiaomi, XPeng. Außen misstrauische Blicke, weil Europa zwar neugierig ist, aber auf Zuverlässigkeit schwört wie der Wiener auf sein Verlängertes.
BYD hat die Preise in China gedrückt – eine Preisschlacht, die Verkäufe treibt, aber Marge und Geduld auffrisst. Wer dann nach außen expandiert, verkauft nicht nur Autos, sondern ein Versprechen: dass das Ding hält. Wiederholte Rückrufe nagen an genau dieser Zusage. Ein Haar in der Suppe? Möglich. Aber in manchen Märkten reicht ein einziges Haar, um den Löffel beiseitezulegen.
Der heimische Markt läuft indes in einer eigenen Liga: In den ersten neun Monaten 2025 sind in China beinahe neun Millionen Elektro- und Plug-in-Hybride zugelassen worden. Weltrekordtempo. In so einem Sprint entscheiden Handwerk und Haltung: Kann BYD die Qualitätsfragen nachhaltig lösen, oder wird aus dem kräftigen Grundton ein Misston? Die Antwort wird über die nächsten Jahre bestimmen, auf der Landstraße wie im Vorstandsbüro.
Für alle, die betroffen sind, gilt das Einfache: Kontakt mit der eigenen Vertragswerkstatt aufnehmen, Termin fixieren, Arbeit erledigen lassen. Danach wieder fahren, spüren, atmen. So sollte es sein – ein Auto, das nicht um Aufmerksamkeit bettelt, sondern sie verdient. Und wenn der Stromrichter summt und das Fahrpedal wieder ehrlich antwortet, merkt man: Manchmal ist die beste Nachricht die Abwesenheit jeder Überraschung.
