Der Wind streicht kühl über die Finger, als würde er schon mal den Platz des Fahrtwinds reservieren. Vor uns: ein langer, niedriger Zweisitzer, nackt in seiner Absicht, ohne Hochglanz-Gedöns. Longbow Motors, eine junge britische Marke mit alten Reflexen und frischem Mut, hebt das Tuch vom ersten Prototypen. Hinter dem Projekt stehen Leute, die bei Tesla und Lucid gelernt haben, wie Elektro geht — und die jetzt zeigen wollen, dass Strom nicht zwangsläufig schwer sein muss. Speedster heißt das Ding. Unter 900 Kilo. 150 Stück. Kein Muskelspiel für die Datenblätter, eher ein Handschlag mit der Straße. Und ja: Es riecht verdächtig nach Comeback des puren Fahrens.
Leichtbau als alter britischer Reflex — neu verkabelt
895 Kilogramm. Kein Tippfehler, sondern eine Ansage. In einer Welt, in der E-Autos oft die Zwei-Tonnen-Marke souverän überspringen, wirkt die Speedster wie ein Läufer unter Gewichthebern. Man hört fast Colin Chapman im Hintergrund murmeln: erst vereinfachen, dann leichter machen. Der Longbow greift genau da hinein — nicht nostalgisch, sondern zielstrebig.
Der Motor sitzt hinten, allein, wie ein lässiger Barmann, der auch ohne Kollegschaft den Laden am Laufen hält. 0 auf 100 km/h in 3,6 Sekunden. Auf dem Papier heute „nur“ flink, nicht brutal. Aber das ist genau die Idee: keine Dragster-Show, sondern ein zackiges, ehrliches Einlenken; Traktion, die zieht; ein Heck, das nicht tanzt, sondern führt. In der ersten Kurve erzählt die leichte Masse ihre Geschichte — direkt, ohne Übersetzer. Die Lenkung spannt sich, der Wagen kauert sich in die Linie, die Karosserie widerspricht nicht. Agilität statt Armdrücken. Weil weniger Gewicht immer noch das schönste Tuning ist.
442 Kilometer WLTP — wenn Masse spart, statt zu kosten
Die Zahl fällt trocken, und sie überrascht: 442 Kilometer nach WLTP. Longbow verrät die exakte Batteriegröße nicht, und das wirkt zunächst wie ein kleines Geheimnis — dann aber logisch. Denn wer weniger schleppen muss, braucht weniger Vorrat. Effizienz ist hier kein Marketingwort, sondern der rote Faden: weniger Zellpakete, weniger Ballast, mehr Strecke pro Kilowattstunde. Das Auto atmet leicht, also fährt es weit.
Während die Branche noch darum ringt, ob die Lösung „größerer Akku“ oder „schnelleres Laden“ heißt, blinzelt Longbow und sagt: „leichter“. Ein bisserl kontraintuitiv im Jahr 2025, aber umso stimmiger hinterm Volant. Der Effekt ist spürbar wie ein gut gebrühter Espresso: klein in der Menge, groß in der Wirkung.
Zwei Charaktere, zwei Einsätze — Speedster und Roadster
Longbow teilt den Traum in zwei Gestalten. Der Speedster ist der Wilde — offen, ohne Frontscheibe, mit der klaren Ansage: Helm auf, bitte. Auf öffentlicher Straße zulässig, aber in der Seele ein Trackday-Kumpel. Der Preis: 111.700 US-Dollar (rund 100.000 Euro). Dafür bekommt man das pure Erlebnis — den Wind als Beifahrer, den Horizont ohne Rahmen. Design-Anklänge an die Ferrari Monza SP2 sind kein Zufall, aber der Longbow erzählt die Geschichte mit Strom statt Zylindern.
Der Roadster ist der Vernünftige, soweit man bei einem 2-Sitzer von Vernunft reden will. Er bringt Scheibe und Dach mit, ist um 45 Kilo schwerer (940 kg) und in 3,7 Sekunden auf 100 km/h. Interessant: Er schafft sogar acht Kilometer mehr Reichweite, landet also bei 450 km WLTP. Preislich liegt er bei 85.400 US-Dollar (etwa 75.000 Euro). Zwei Gesichter derselben Philosophie: der eine fürs Ritual, der andere fürs Leben dazwischen.
– Speedster
– Preis: 111.700 US-Dollar (ca. 100.000 Euro)
– Gewicht: 895 kg
– 0–100 km/h: 3,6 s
– Reichweite (WLTP): 442 km
– Besonderheit: ohne Frontscheibe, Helmpflicht empfehlenswert — maximal unverfälscht
– Roadster
– Preis: 85.400 US-Dollar (ca. 75.000 Euro)
– Gewicht: 940 kg
– 0–100 km/h: 3,7 s
– Reichweite (WLTP): 450 km
– Besonderheit: Scheibe und Dach, alltagstauglicher, minimal zahmer — aber nicht weniger ehrlich
Beide Modelle teilen das Wesen: ein einzelner E-Motor hinten, Drehmoment dort, wo die Straße es am liebsten abholt. Keine Showeffekte, kein Lärm — nur Schub. Die Art von Beschleunigung, die nicht prahlt, sondern liefert.
Handarbeit, kleine Stückzahl — und ein ehrgeiziger Kalender
150 Fahrzeuge insgesamt. Mehr Handwerk als Fließband. Zuerst 50 Speedster, danach 100 Roadster. Longbow sagt, das erste Produktionsjahr sei bereits vergeben — leise und selbstbewusst, ohne Tamtam. Auslieferung ab 2026, rechts- oder linkslenkend, je nach Markt. Zunächst Großbritannien und Europa. Der Fahrplan wirkt wie das Auto: schlank, fokussiert, ohne unnötige Versprechen. Wer so baut, baut lieber richtig als schnell — ein Ansatz, der Vertrauen schafft, gerade bei einer neuen Marke.
Gegen den Strom — Effizienz statt Übermenschlichkeit
Der Elektromarkt liebt Superlative: mehr PS, mehr Newtonmeter, mehr „Wahnsinn“. Longbow sagt: weniger — und meint damit mehr. Denn maximale Leistung ist beeindruckend, aber nicht unbedingt berührend. Die Macher, geübt bei Tesla und Lucid, drehen die Perspektive: Erst kommt das Gefühl am Lenkrad, dann die Zahl im Datenblatt. Die Speedster/ Roadster-DNA ist kein „Brute Force“, sondern feine Mechanik, ehrlicher Leichtbau, ein Chassis, das nicht diskutiert, sondern mitspricht.
Das könnte genau jene Kundschaft abholen, die genug hat von 2,5-Tonnen-Technikwundern mit fünf Fahrmodi und drei Bildschirmen. Nicht falsch verstehen — Hightech ist großartig. Aber Fahrspaß ist ein zarteres Tier. Er lebt von Rhythmus, von Rückmeldung, von Vertrauen. Und die wachsen mit jedem Kilogramm, das man sich spart.
Was man hinter dem Lenkrad vermutet — und warum das zählt
Man greift imaginär nach dem kleinen, festen Lenkrad. Die Sitzposition: tief, die Knie leicht angewinkelt, der Blick weit. Der Motor surrt nicht, er summt — eine tiefe, saubere Note, kein künstliches Gedröhne. Beim Anfahren fühlt sich das Heck wach an, als würde es den Asphalt zuerst begrüßen. In der Stadt gleitet der Wagen feingliedrig, auf der Landstraße spannt er sich wie ein guter Bogen. Bremsen? Kurzer, trockener Biss — dann sauber dosierbar. Er wirkt nicht arrogant, eher sportlich höflich. Ein Auto, das dir nicht imponieren will. Es will dich mitnehmen.
Und noch etwas: Der Longbow hat Charakter. Er ist kein Showmaster, er ist ein Tanzpartner. Je sauberer du fährst, desto schöner wird die Musik. Fährst du grob, wird er nicht grantig — er zieht halt die Stirn kraus und sagt: „Probier’s feiner.“ Ein bisserl Wiener Schmäh für eine britische Idee.
Das Versprechen hinter der Zahl
Die 3,6 Sekunden auf Hundert, die 442 Kilometer WLTP, die 895 Kilo — das sind Wegweiser, keine Pokale. Das eigentliche Versprechen lautet: zurück zum Fahren, vorwärts in der Technik. Wenn Longbow liefert, was der Prototyp andeutet, könnte die Speedster/ Roadster-Paarung ein Korrektiv sein für eine Szene, die sich manchmal im eigenen Größenwahn verläuft.
Vielleicht rollt 2026 kein neues Kapitel an, sondern ein altes, das wir vermisst haben — leicht, präzise, ehrlich. Ein Auto, das nicht fragt, wie schnell du bist. Sondern, wie gut du fährst. Und das ist, Hand aufs Herz, die schönste Art von Beschleunigung.
