Die Startlichter verlöschen, die Luft in Mexiko-Stadt ist dünn wie Espresso-Schaum, und die Motoren bellen Richtung Kurve 1. Da, wo der Asphalt zum Charaktertest wird. Fernando Alonso steigt aus dem Auto, die Pulsfrequenz noch im Helm, und sagt laut, was viele im Fahrerlager nur durch die Zähne denken: So kann’s doch nicht laufen — nicht, wenn Regeln den Puls der ersten Runde lenken sollten.
Eine Schieflage bei der FIA
Es war ein Start, wie ihn diese Strecke liebt: Gierige Bremszonen, Platz wird zur Währung, Mut zum Multiplikator. Charles Leclerc, Max Verstappen, Andrea Kimi Antonelli, Carlos Sainz und Liam Lawson schnitten die zweite Kurve im Getümmel an — ein kurzer, grauer Bereich zwischen Instinkt und Reglement. Oscar Piastri rutschte in Kurve 1 außen weit raus, kam aber noch vor Kurve 2 wieder korrekt auf die Piste zurück. Strafen? Keine. Nicht für sie.
Die einzige Zeitstrafe traf Lewis Hamilton: 10 Sekunden, kassiert beim Boxenstopp, nachdem er im Zweikampf mit Verstappen neben der Spur gelandet war. Ein einzelner Donnerschlag in einem Gewitter, das ausblieb.
Warum das Alonso aufbringt? Weil Startphasen ein eigener Klang sind — Lenkrad hart, Bremsen beißen, das Auto atmet schwer — und wer die Linie hält, soll nicht am Ende der Ehrliche sein, der hinten anschließt. Alonso erzählt es ohne Pathos und mit dem Ton eines Mannes, der schon zu viele Grands Prix gesehen hat, um sich Illusionen zu machen. Er kam sauber weg, packte Kurve 1 entschlossen, sortierte sich vor Sainz ein — nur um Momente später festzustellen, dass jene, die Kurve 2 abkürzten, plötzlich drei Wagenlängen weiter vorne auftauchten. So fühlt sich Tinte an, die auf dem Papier verheißt, was auf der Strecke nicht passiert.
Er nennt es nicht Theater, er nennt es das, was es für ihn ist: unfair. Zweites Rennwochenende hintereinander, erste Runde, erste Kurve — und die Rennleitung blickt genau dorthin, wo nichts zu sehen ist. Der Subtext ist deutlich wie der Einschlag eines Schaltvorgangs: Wenn das die Auslegung ist, dann merken wir uns das. Regeln sind nicht nur Buchstaben, sie sind auch Gewohnheiten. Und Gewohnheiten prägen die erste Runde wie der Gummi die Ideallinie.
Alonso bleibt trotzdem Fahrer — einer, der die Maschine liest wie andere die Morgenzeitung. Er nimmt den Ärger mit, aber nicht als Ballast. Eher als Notiz am Armaturenbrett. Die FIA, sagt er zwischen den Zeilen, wird ihre Daten gehabt haben, ihre Kamerawinkel, ihre Telemetrie. Hat entschieden, dass niemand Plätze zurückgeben muss. Gut. Dann lebt man eben mit der Logik, die gilt — und nützt sie beim nächsten Mal, wenn die Luft wieder flimmert und Kurve 2 zum Fragezeichen wird. Bis dahin: das Maximum herausholen, sauber fahren, wach bleiben. Denn ein Auto verzeiht viel, die Zeitmessung nichts.
Man spürt, wie sehr der Spanier die ersten Meter eines Rennens als Charakterprüfung begreift. Ein Auto, das brav einlenkt, ein Fahrer, der mit den Fingerspitzen bremst, ein Feld, das im Schwarm pulsiert. Da hängt alles an kleinen Wahrheiten: Wer die Strecke kürzt, spart nicht nur Weg, sondern schreibt an der Geschichte der Runde mit. Die Rennleitung aber hat diesmal den Stift in der Tasche gelassen.
Kurz zusammengefasst
Beim Grand Prix von Mexiko nahmen mehrere Fahrer in der Startphase Kurve 2 nicht über die klassische Linie und verschafften sich damit Positionsvorteile — ohne Strafe. Oscar Piastri ging in Kurve 1 weit, kam aber rechtzeitig zurück. Geahndet wurde einzig Lewis Hamilton mit 10 Sekunden beim Stopp nach einem Ausritt im Duell mit Max Verstappen. Fernando Alonso empfindet das als Schieflage gegenüber jenen, die die Kurven korrekt nehmen: zweite Startphase in Folge, sagt er sinngemäß, in der die Rennleitung wegschaut — und er kündigt an, sich diese Auslegung für die nächste ähnliche Situation zu merken, ohne den eigenen Anspruch auf sauberes Fahren fallenzulassen.

