Ferrari feilt an seinem ersten Stromer, der Elettrica. Und nein, in Maranello kopiert man nicht brav, was die Nachbarn schon ausprobiert haben. Während Hyundai mit dem Ioniq 5 N die “Fake-Gänge” salonfähig machte und ein Doppelkupplungsgetriebe imitiert, geht Ferrari seinen eigenen, sehr italienischen Weg: Leistungsstufen. Eine bewusste Entscheidung, um Gefühl in die Finger zu bringen — ohne den Verbrenner zu spielen.
Gianmaria Fulgenzi, der Mann fürs Produkt bei Ferrari, formuliert’s ohne Umweg: “Wenn du mit dem Auto wirklich ins Gespräch kommen willst, brauchst du etwas zum Anfassen.” Aus dieser Haltung wächst die Elettrica. Fünf klar getrennte Leistungsstufen, anwählbar über die Schaltwippen am Lenkrad. Auf der Autobahn bleibt sie leise, gelassen, fast zurückhaltend. Aber sobald du Lust auf Spiel hast, kommt das System aus seiner Deckung — und wird zur Hauptrolle.
Warum “Gänge” auch im E‑Auto unverzichtbar sind
Am Kurs schaut ein guter Pilot nie auf den Tacho. Geschwindigkeit entsteht im Kopf — über den eingelegten Gang und das Timbre des Motors. Diese beiden Hinweise, mechanisch und akustisch, legen das Nervensystem auf Schiene und schicken dich in den Flow. Genau das fehlt den schnellen Stromern von heute, selbst den großen Kalibern wie der Porsche Taycan. Sie sind brutal schnell. Aber manchmal stumm wie ein Lift.
Ferraris Ansatz bricht bewusst mit Hyundais Theater. Während die Koreaner sauber eine Schaltbox mit sieben Gängen nachahmen, erfinden die Italiener etwas Eigenständiges. “Wesentlich ist, dass wir Drehmoment und Leistung in Stufen teilen. Wir konzipieren fünf Ebenen, die nacheinander freigesetzt werden”, erklärt Fulgenzi. Diese aufsummierte Gesamtkraft verlangt Timing. Du “schaltest” nicht bloß — du setzt Akzente. Und bleibst wach.

Rekuperation mit Bühne: der inszenierte Verzögerungsmoment
Auch das Bremsen wird neu erzählt. Kommt die Linkskurve näher und du ziehst die linke Wippe, simuliert das System einen Motorbremseffekt — nicht als Spielzeug, sondern als Gefühl. Die Nase taucht dezent, die Masse wandert, der Körper versteht, was die Technik vorhat. Es passt zusammen, wie eine gute Choreographie: Fuß, Lenkrad, Geräusch — klick.
Lautlos bleibt die Elettrica trotzdem nicht. Anstatt falsche Klänge zu generieren, verstärkt Ferrari das, was der E‑Motor wirklich tut. Ein Beschleunigungssensor unterm hinteren Inverter lauscht den feinen Vibrationen des Aggregats, das bis zu 25.000 U/min drehen kann. Ein hauseigener Algorithmus formt daraus eine Tonspur, die ehrlich ist — nur eben lauter. Echtheit, aufgedreht.
Die heiklen Fragen hinter der hübschen Idee
Natürlich stellt sich die Praxis quer. Wie verhalten sich die fünf Leistungsstufen beim Herausbeschleunigen? Muss Ferrari die E‑Maschine künstlich zügeln, um diese Stufung spürbar zu machen? Und wird das Fahrerlebnis dadurch komplizierter — wo doch die unmittelbare Wucht eines E‑Motors sonst der große Trumpf ist?
In Maranello sucht man die Balance zwischen echt und inszeniert. Das Ziel: die Gefühle eines Verbrenners hervorrufen, ohne sein Getriebe zu kopieren. Gelingt die Gratwanderung, könnte sie definieren, wie sich künftige elektrische Supercars anfühlen. Anspruch ist genug da — jetzt muss die Umsetzung liefern.
| Aspekt | Ferrari Elettrica | Hyundai Ioniq 5 N | Porsche Taycan |
|---|---|---|---|
| Schalt‑Inszenierung | 5 abgestufte Leistungsniveaus | 8 künstlich simulierte Gänge | Automatik-Charakter ohne Stufen |
| Klangbild | Verstärkte echte Vibrationen | Komplette DCT‑Imitation inkl. Sound | Synthetisches Porsche‑Sounddesign |
| Maximale Drehzahl | 25.000 U/min | Nicht kommuniziert | 16.000 U/min |
Was die 296 GTB dem Stromer beibringt
Ein Pfund hat Ferrari im Ärmel: die Erfahrung mit der 296 GTB. Als Plug‑in‑Hybrid zeigt sie, wie man Emotion konserviert, obwohl Elektronen mitreden. Sie bleibt direkter, rauer, ehrlicher als so manche “pure” Supercar-Konkurrentin — eine McLaren 720S etwa — und beweist, dass Ferrari das Theater der Fortbewegung versteht. Nicht Show um der Show willen. Sondern Sinnlichkeit mit Werkzeugkiste.
Diese Schule wird für die Elettrica entscheidend. Es geht nicht nur darum, eine schnelle Zahl in den Prospekt zu schreiben, sondern einen Charakter zu bauen, der dich packt. Erste Stimmen aus den Prototypen deuten an: Man stellt die richtigen Fragen, man folgt den richtigen Spuren. Das ist viel wert — und selten.
Die Elettrica ist keine elektrische Verkleidung eines bekannten Modells. Sie erzählt eine neue Philosophie: Technik dient dem Gefühl, nicht umgekehrt. Wenn das aufgeht, könnte es Wellen schlagen — und zeigen, dass Elektroautos beim Fahrspaß ihre Ahnen nicht nur erreichen, sondern überholen können. Die Wahrheit? Kommt auf der Straße. Beim ersten echten Atemzug.
