Die Halle riecht nach Metall und frischem Lack, die Förderbänder singen leise – und Kia flüstert ein Geheimnis. Intern heißt es CB. Kein Poster, kein Showcar, juste ein Codename, ein projet in der Werkstattluft. Während andere Hersteller den Fuß vom Strompedal nehmen, bleibt Kia drauf. Nein, mehr noch: Sie schalten einen Gang höher, so als würde die Steckdose gleich davonlaufen.
Das Timing ist kein Zufall. Hinter den Werkstoren wurde heuer ein Deal mit der Gewerkschaft geschnürt, der mehr ist als bloße Friedenspflicht: Er sichert Projekte, verschiebt Gewichte, öffnet Türen. CB gehört dazu. Und weil ein Plan ohne Europa nur halber Plan ist, spannt Kia die Karte weit auf: mehr E-Modelle, mehr Nutzfahrzeuge, mehr Fertigung auf dem alten Kontinent. Man spürt es: Hier will jemand das Bild im Rückspiegel verändern.
Ein Geheimprojekt nimmt Kurs auf 2030
CB – drei Buchstaben, viel Spekulation. Offizielle Daten? Kaum. Das Fahrzeug steckt noch in den frühen Skizzen, dort, wo Radstände mit Bleistift atmen und Segmente noch keine Namen haben. Die Dimensionen sind offen, die Zielgruppe ebenso. Fix ist nur die Richtung: Der Marktstart wird für 2030 anvisiert – weit genug weg, um gründlich zu werden, nah genug, um Druck zu machen.
Gebaut werden soll CB im Werk Hwaseong Plant 2 in Südkorea. Kein romantischer Zufall, sondern Bestandteil des neuen Gesamtpakets zwischen Kia und der Arbeitnehmerseite. Das Modell reiht sich neben EV2, EV3, EV4, EV5, EV6 und EV9 ein – wie ein neues Instrument in einem Orchester, das bereits laut und vielstimmig spielt. Wofür CB stehen wird? Ergänzung, nicht Dekor. Ein Baustein, der Lücken schließt, nicht eine Figur, die nur hübsch aussieht.
Elektrische Arbeitstiere: die Nutzfahrzeug-Familie wächst
Parallel dazu schraubt Kia an der anderen, oft unterschätzten Front: den E-Nutzfahrzeugen. Der PV7 ist bestätigt, das zweite strombetriebene Lasttier im Stall. Ab 2027 läuft er im eigens dafür gedachten Werk Hwaseong EVO vom Band – Tür an Tür mit dem mittelgroßen PV5, der das Kapitel Platform Beyond Vehicle (PBV) eröffnet hat. Zwei Charaktere, zwei Aufgaben. Der eine wendig, der andere mit breiten Schultern.
Die Unterschiede lassen sich nicht nur auf dem Papier fühlen, aber hier stehen sie schwarz auf weiß:
| Modell | Länge | Produktionsstart | Einordnung |
|---|---|---|---|
| PV5 | bis zu 4,7 Meter | läuft bereits an | Mittelklasse |
| PV7 | 5,9 Meter | 2027 | Großformat |
Man kann es sich vorstellen: PV5, der in der Stadt zwischen Randsteinen tanzt und sich unterm Armaturenbrett leise freut, wenn er rückwärts in enge Laderampen schnauft. PV7, der große Cousin, der die Distanz liebt und mit voller Ladung nicht jammert – er nimmt die Aufgabe, wie ein braver Kollege den Spättermin: kommentarlos.
Europa-Plan: mehr Tempo, mehr Volumen, weniger Ausreden
Europa ist kein Nebenkriegsschauplatz, sondern Zielgerade. Kia will die E-Produktion innerhalb der kommenden zwei Jahre verdreifachen – eine Zahl, die nach Ansage klingt. Ho Sun Song, Kias Chef, setzt eine Marke: Rund 100.000 Einheiten des EV2 sollen bis 2027 im slowakischen Werk Zilina entstehen. Nicht irgendwann, sondern terminiert. Nicht irgendwo, sondern dort, wo bereits E-Kompetenz aufgebaut wird.
Zilina baut seit August den EV4 – der erste rein elektrische Kia, der in Europa vom Band läuft. Eine Premiere, die man nicht groß plakatiert, sondern mit Stückzahlen untermauert. Die Planung wirkt nüchtern und ehrgeizig zugleich:
– Mehr als 80.000 EV4 als Schrägheck bis 2027
– Weltweit rund 100.000 EV4, wenn man die Limousinen-Variante dazu zählt
– Der EV2 steigt 2026 in die europäische Fertigung ein
Das sind keine abstrakten Kurven in Präsentationen, das sind konkrete Takte in der Produktion. Und man spürt, wie die Lenkung in Europa mehr Druck bekommt – direkter, regionaler, schneller.
Verkaufsbilanz: der Rückenwind ist real
Zahlen lügen selten, und hier klingen sie nach Kursbestätigung. Bis Ende August wurden in Europa 71.179 elektrische Kia zugelassen – plus 56 Prozent im Vergleich zum gleichen Zeitraum 2024. Das ist kein Flackern, das ist Flamme. Der EV3 macht dabei den Vortänzer, nur der Sportage verkauft sich noch besser. Ein Compact-SUV, das nicht brüllt, sondern überzeugt – freundlich, aber bestimmt.
Im Konzert der europäischen E-Modelle hält der EV3 Rang sieben. Vorneweg die üblichen Platzhirsche: Tesla Model Y und Model 3, dazu Volkswagens ID.3, ID.4 und ID.7. Und doch: Über 45.000 EV3 in den ersten acht Monaten des Jahres – das ist Substanz, kein Zufall. Offenbar passt die Mischung aus Preis, Format und Benehmen. Der EV3 fährt nicht nur von A nach B; er nimmt die Menschen mit, ohne sie zu belehren.
Wettbewerbslage: gegen den Strom schwimmen kann schneller machen
Während im Westen einige Hersteller die E-Budgets zurechtschneiden wie Hecken im Herbst, macht Kia das Gegenteil. Gegenzyklisch investieren ist riskant – natürlich. Aber Stillstand ist es auch. Wer jetzt weiter ausrollt, findet vielleicht 2027 die Lücken, durch die andere nicht mehr passen. Marktanteile erobert man nicht mit Ankündigungen, sondern mit Autos, die greifbar sind.
Was also wird CB? Zwei plausible Richtungen stehen im Raum. Entweder ein noch zugänglicheres Einstiegsmodell – unterhalb eines möglichen EV1, der in vielen Köpfen spukt. Oder ein feiner abgestimmter Lückenfüller zwischen EV6 und dem großen EV9 – mehr Komfort, mehr Raum, mehr Anmutung, ohne in Opulenz zu kippen. Die Fantasie fährt weiter: elektrischer Pickup, kerniger Offroader, oder ein leisetreter Luxusgleiter. Noch ist alles offen, und genau darin liegt der Reiz.
Am Ende bleibt dieses Gefühl: Kia will bis zum Ende der Dekade jeden relevanten Winkel des E-Markts bespielen. Nicht mit Krawall, sondern mit Taktgefühl. CB ist dafür das heimliche Augenzwinkern – der Satz, den man am Stammtisch fallen lässt und dann lächelt. Wenn er kommt, wird er nicht um Aufmerksamkeit betteln. Er wird sie sich holen – höflich, aber bestimmt.
