Trotz der zuletzt blassen Form von Oscar Piastri legt McLaren die Handschuhe nicht ins Kiesbett. Max Verstappen darf’s wissen: Das Saisonende wird kein Ausrollen zur Zielflagge — das wird ein Duell mit Zähnen.
Die jüngsten Auftritte der beiden könnten kaum unterschiedlicher sein: Verstappen fährt, als hätte ihm jemand den Asphalt auf den Leib geschneidert; Piastri, weiterhin an der Spitze der Gesamtwertung, ringt mit einem Auto, das mal zupackt, mal zögert. Die RB21 packt zu wie ein gut geschärftes Taschenmesser — knackig, direkt, ohne Umwege. Der McLaren dagegen wirkt phasenweise wie ein Morgenmensch an einem Montag: er kommt, aber erst nach dem zweiten Kaffee. Und trotzdem: Kapitulation? Keine Spur. In Woking denkt niemand ans Einrollen. Nicht Schadensbegrenzung, sondern Gegenangriff. Fünf Grands Prix bleiben, zwei Sprints obendrein — genug Gelegenheiten, den Puls wieder nach oben zu drehen.
Die Saison ist noch lange kein Schlussakt
Nach dem Grand Prix der Amerikas in Austin — Piastri solide, aber nicht glänzend; Verstappen mit einem Auftritt wie eine Dampfwalze — wird die Luft zwischen den beiden wieder dünner. Andrea Stella bleibt dennoch gelassen, ja fast trotzig optimistisch. Er weiß: Wer jetzt ruhig atmet, trifft die Bremspunkte besser. Fünf Rennen und zwei Sprints, das bedeutet nicht nur Risiko, das bedeutet auch Potenzial. Punkte, die man herausholen kann, statt sie herzuschenken. Und: Die Strecken, die kommen, liegen dem McLaren — so die Lesart im Team.
Mexiko-Stadt zuerst: Hochlage, wenig Luft, viel Motorarbeit — der Turbo schnauft, die Reifen müssen sich festbeißen, jeder Fehler wird mit Meterverlust bestraft. Dann São Paulo, dieser herrliche Rhythmus über die Kuppen von Interlagos — kompromisslos, ehrlich, wie ein kurzes Gespräch an der Bar: entweder passt’s, oder es passt nicht. Las Vegas danach — kalte Nacht, glatte Straßen, lange Geraden, harte Bremszonen; hier muss der Bolide Vertrauen flüstern, wenn die Reifen noch frieren. Katar bringt das Flimmern der Hitze zurück, schnelle Kurven im Takt, Downforce als Mutprobe. Und zum Schluss Abu Dhabi: der ordentliche Schlusspunkt mit allem, was dazugehört — Stadionstimmung, Mischcharakter, und jene letzte Chance, an der große Geschichten oft noch einmal die Richtung ändern.
Stella formuliert es nüchtern, aber mit einem Zwinkern in der Stimme: Es gibt noch genug Asphalt, um den Abstand nicht nur zu verteidigen, sondern auszubauen. Ja, Verstappen fährt im Presslufthammer-Modus — keine Frage. Doch McLaren sieht seine Momente kommen. Wenn die Boxenstopps sitzen wie ein gut geölter Verschluss, wenn der Vorderwagen beim Einlenken endlich wieder diesen kleinen, zufriedenen Zug im Lenkrad sendet, dann kann der orange Pfeil noch einmal richtig durch die Luft schneiden.
Und Piastri? Er spürt, wie das Auto mal brummt, mal brummelig ist. Der Grip kommt nicht immer dann, wenn er ihn ruft. Aber die Linie ist da, der Speed glimmt, und wer heuer die Tabelle anführt, hat nicht zufällig dorthin gefunden. Es ist dieses Gefühl, kurz vor der Bremsmarke, wenn die Welt klein wird und nur noch Kurve, Curb und Gaspedal zählen — da entscheidet sich, ob eine Saison kippt oder die Nerven halten. McLaren pokert nicht, McLaren arbeitet. Sachlich, aber mit Biss.
Kurz gesagt
Piastri hadert, McLaren hält dagegen. Verstappen darf sich warm anziehen: Der Schlussritt wird ruppig, mit fünf Grands Prix und zwei Sprints als offene Rechnung. Die beiden in Papaya haben noch nicht ausgeredet — die Saison auch nicht.

