„Wir, das ist der Geschmack“ – so wirbt Quick. Bei QJMotor lautet das Gegenmotto eher: „Wir sind der Preis.“ Ein Blick auf das größte Adventure-Bike der chinesischen Marke, neu auf unserem Markt, liefert den Beweis.
Selbst wenn sie objektiv die beste Motorradkonstruktion der Welt wäre, bliebe sie für manche eben doch „nur“ ein weiteres chinesisches Bike. Und selbst wenn sie das schönste, leichteste, bestausgestattete und effizienteste Angebot wäre – ein Teil der auf japanische oder europäische Marken geprägten Szene würde sie weiterhin als exotisches Nischenprodukt abtun.
Zum Glück stellt sich dieses Dilemma gar nicht: Die neue SRT 900 SX Touring, ein straßenorientierter Reise-Enduro mit 19-Zoll-Vorderrad, ist ziemlich eindeutig keins dieser Superlative.

Zuerst zum Design… Optik ist Geschmackssache. Unser Job ist es nicht, zu entscheiden, was schön ist und was nicht – selbst dann nicht, wenn es verlockend wäre.
Beim Gewicht gilt der gleiche Vorbehalt: Mit 263 Kilo vollgetankt inklusive Gepäcksystem erinnert diese QJMotor eher an ein Nashorn als an eine Raubkatze. Rangieren ohne Motor? Viel Spaß. Und die zentrale Hauptständer-Aktion ist ebenfalls nichts für zarte Waden.
Bei der Ausstattung dagegen bitte anschnallen: Dieses große Reisegerät tritt an wie eine Luxus-Tourerin.

Beheizte Griffe und Sitzbank, Hauptständer, USB-Buchse, seitliche Koffer plus Topcase mit zusammen 112 Litern Stauraum (inklusive Innenverkleidung und Taschen!), Handprotektoren, abgewinkelte Ventile, Speichenräder für schlauchlose Reifen, Motorschutz und Sturzbügel zum Schutz sensibler Bauteile, Quickshifter für Hoch- und Runterschalten sowie hinterleuchtete Lenkerarmaturen, Reifendruckkontrolle, Tempomat, elektronisches Ride-by-Wire, Toter-Winkel-Überwachung und GPS-Navigation via App – alles an Bord, dazu Voll-LED-Licht und Fahrmodi.

Obendrein gibt es serienmäßig einen Montageständer sowie Komponenten von Marzocchi (Upside-down-Gabel) und Brembo (Bremsen). Entschuldigen Sie die endlos wirkende Aufzählung, aber man fühlt sich fast wie im Zubehörkatalog eines Premium-Automobilisten – mit dem Unterschied, dass hier alles Serie ist.

Zusätzlich – gemeinsam mit dem neuen Roadster SRK 800 präsentiert – verbaut QJMotor sogar eine nach vorn gerichtete Dashcam. Sie zeichnet die letzten Fahrsekunden auf und kann im Falle eines Unfalls helfen, die Schuldfrage zu klären. Bis zur endgültigen Freigabe durch die zuständigen Stellen ist der Einsatz solcher Systeme allerdings noch streng reglementiert.
Außerdem: drei Jahre Herstellergarantie, Service jährlich oder alle 6.000 Kilometer, und per Ende September 2025 ein Netz aus 70 Service- und Vertriebspartnern in Frankreich. Und der Preis? 10.000 € – oder genauer: einen Euro weniger. Legen Sie die Jacke trotzdem noch nicht ab, denn perfekt ist hier nicht alles…

Die Bedienung geht leicht von der Hand, doch fahrdynamisch reißt die SRT insgesamt keine Bäume aus. Zu weich gefedert und ziemlich schwer mag sie weder hohes Tempo noch wellige Straßen. Über den schmalen Lenker kommt wenig Rückmeldung, die Präzision im Lenkverhalten leidet und das Heck wirkt bisweilen nachfedernd – der Fahrer fühlt sich dann eher als Passagier.
Die Schräglage gelingt hingegen problemlos – solange der vordere Bremshebel gelöst bleibt. Bei engagierter Fahrweise ist übrigens nicht der Fußrasten-Nippel der erste Asphaltkontakt, sondern der Hauptständer… und der klappt nun mal nicht weg.

Für viele Tourenfahrer ist das verschmerzbar. Wer eher entspannt unterwegs ist, dürfte sich über die weiche Dämpfung freuen – und über den 24-Liter-Tank, der lange Etappen ermöglicht.
Schade nur, dass das kleine Windschild den Fahrtwind nicht besser abfängt. Ansonsten passt die Ergonomie: die Arme locker, der Rücken aufrecht – sehr entspannend. Die breite, bequeme Sitzbank (835 mm Sitzhöhe) ist moderat ausgelegt, und das 7-Zoll-Instrumentendisplay überzeugt mit sauberer Bedienlogik, hohem Funktionsumfang und sehr guter Ablesbarkeit.

Eine Anekdote aus dem Test: Beim Hinterherfahren in der Journalistengruppe fühlten sich die Beschleunigung und der Winddruck früh deutlich kräftiger an als die am Tacho gezeigten 90 – bis klar wurde, warum: Der Tacho stand auf mph statt km/h. Verstanden, Herr Wachtmeister, war ein Bedienfehler.
Unterm Strich liefert der Zweizylinder genug Leistung. Sein klassischer 180-Grad-Kurbelversatz bringt leichte Vibrationen und einen zurückhaltenden Charakter mit, doch der 900er, für A2 auf 47 PS (35 kW) drosselbar, zieht früh und ordentlich durch – unterstützt von einem angenehm arbeitenden Quickshifter.

Damit wird die SRT 900 zu einer eigenständigen, sehr zugänglichen Reisemaschine. Ja, sehr zugänglich: Sie kostet „nur“ 2.200 € weniger als eine BMW F 900 XR, die auf der Straße deutlich stringenter agiert – aber bei ähnlicher Ausstattung preislich fast in eine andere Liga rutscht.
QJMotor SRT 900 SX Touring: unser Fazit
Mit diesem Preis-Ausstattungs-Verhältnis hat die SRT 900 SX Touring für Genussfahrer und Weitreisende echten Reiz. Wer sportliche Präzision sucht, wird hier jedoch nicht glücklich.

QJMotor SRT 900 SX Touring: technische Daten
- Motor: Reihenzweizylinder, 8 Ventile, flüssigkeitsgekühlt, 904 cm3
- Bohrung x Hub (mm): 92 x 68
- Getriebe: 6 Gänge, Kettenantrieb
- Leistung (PS bei U/min): 95 bei 9.000
- Drehmoment (Nm bei U/min): 90 bei 6.500
- Gewicht fahrfertig (kg): 263
- Abmessungen L x B (mm): 2.250 x 950
- Radstand (mm): 1.540
- Sitzhöhe (mm): 835
- Vorne: 2 Scheiben 320 mm, 4-Kolben-Sättel, ABS
- Hinten: 1 Scheibe 260 mm, 2-Kolben-Sattel, ABS
- Federweg v/h (mm): k. A.
- Reifen v/h: 110/80 R19 – 150/70 R17
- Kraftstofftank (l): 24
- Preis: 9.999 €

Was uns gefällt
- Sehr einfache Handhabung im Alltag
- Umfassende Serienausstattung
- Attraktiver Preis
- Hoher Komfort
Was uns weniger gefällt
- Fahrdynamik bleibt hinter der Konkurrenz zurück
- Sehr hohes Gewicht
- Windschutz nicht optimal
- Mechanische Vibrationen
QJMotor SRT 900 SX Touring: unser Eindruck aus dem Sattel
Quick setzt auf „Geschmack“, QJMotor auf den Preis. Die größte Reise-Enduro der Marke zeigt, wie viel Ausstattung man fürs Geld bekommen kann: ein voll ausgerüstetes, reisetaugliches Bike zum Kampfpreis. Gibt es dennoch einen Haken?

