Die Stadt riecht nach Regen und warmem Asphalt. Ampeln ticken, Radfahrer huschen vorbei, und aus dem Nichts rollt ein Auto ohne Fahrer an den Bordstein — als hätte die Zukunft einfach beschlossen, pünktlich zu sein. Wer bei Elektroautos reflexartig “China vorne, der Rest dahinter” sagt, wird hier überrascht. Beim Robotaxi-Duell ist der Asphalt ausgeglichener, die Kurven enger, das Kräfteverhältnis 2025 deutlich nuancierter als jede Schlagzeile vermuten lässt.
Pro Land ein Platzhirsch, dahinter die Verfolger, die atmen, testen, nachrücken. Diese Konstellation riecht nach echter Konkurrenz — und zeigt, wie weit der Sprung von der Demo zur bezahlten, täglichen, widerspenstigen Realität des autonomen Fahrbetriebs wirklich ist.
Apollo Go gegen Waymo: die Schwergewichte der Spur
Baidu hat mit Apollo Go 2019 den Startknopf gedrückt — und seitdem aufgedreht, ohne nervös zu wirken. Über 1.000 Fahrzeuge sind inzwischen im Einsatz, verteilt auf 16 Städte in China; dazu kommen Linien in Abu Dhabi und Dubai, wo Sand und Sonne das Sensor-Set anders herausfordern als die enge Gasse in Wuhan. Strategisch hat Baidu die Türen weit geöffnet: Kooperationen mit Uber für Asien und den Nahen Osten stehen, und mit Lyft ist für 2026 der Sprung nach Europa geplant — konkret nach Großbritannien und Deutschland. Das riecht nach Langstrecke, nicht nach Sprint.
Die nackten Zahlen haben Puls: 2,2 Millionen autonome Fahrten im zweiten Quartal 2025 — ein Plus von 148 Prozent zum Vorjahr. Rund 170.000 Fahrten pro Woche, mit einem Jahreslauf über 14 Millionen Trips und mehr als 193 Millionen autonom gefahrenen Kilometern insgesamt. Das ist nicht nur Telemetrie. Das ist Routine im Verkehr, Schichtbetrieb der Zukunft, eingewebt in die Unordnung des Alltags.
Drüben in den USA hält Waymo die Linie — und zwar mit ruhiger Hand. Phoenix fährt seit 2020, Los Angeles und San Francisco sind dabei, Atlanta und Austin ebenfalls; Washington D.C. und Miami sind fix bestätigt. Mehr als 1.500 Fahrzeuge kennt die Flottenliste, und im Wochentakt stehen im Schnitt 250.000 Fahrten auf der Uhr. Damit bedient Waymo etwa drei Prozent der US-Bevölkerung direkt — für ein System, das sich selbst fährt, ist das ein lauter Satz. Bis 2026 sollen 2.000 weitere Fahrzeuge dazukommen, basierend auf der Jaguar I-Pace, und London steht als internationales Ziel im Roadbook. Die Richtung ist klar: größer, dichter, leiser.
Die Herausforderer in Warteposition
In China folgt Pony.ai als Nummer zwei — leise, konzentriert, ehrgeizig. Anfang 2025 zählte die Flotte rund 250 Fahrzeuge in vier Städten. Das Ziel ist nicht klein: 1.000 Einheiten bis Ende 2025, und in drei bis fünf Jahren eine fünfstellige Fahrzeugzahl. Ambition, die nach Drehmoment klingt.
WeRide hat sich breit aufgestellt: über 30 Städte in zehn Ländern, mehr als 700 Robotaxis im Feld. Das ist globale Präsenz, nicht nur PR. AutoX, von Alibaba gestützt, meldete schon Anfang 2022 den Sprung über 1.000 Fahrzeuge — nur bleibt der Alltag der Einsätze merkwürdig still. Wenn Daten zu leise sind, stimmt oft die Akustik nicht… oder jemand spielt noch nicht im Takt.
In den USA sieht die zweite Reihe anders aus. General Motors’ Cruise, einst klare Nummer zwei, hat im Oktober 2023 nach Sicherheitsvorfällen den Schlüssel umgedreht und die Tore geschlossen. Eine Vollbremsung. Tesla ist seither hineingeschlüpft — mit einem sehr schmalen Einsatz: seit Juni 2025 rollen einige Dutzend Model Y in Teilbereichen von Austin und San Francisco. Eher Feldtest als fertiger Dienst, eher Probefahrt als Taxameter.
- Zoox, von Amazon gestützt, fährt neuerdings in Las Vegas — kostenloser Betrieb, damit die Menschen den Puls fühlen, nicht den Preis.
- Das Fahrzeug ist ein Eigenbau für die Autonomie, ohne Fahrerplatz — wie ein Raum, der nur für Fahrgäste gedacht ist.
- Damit unterscheidet sich Zoox radikal von jenen, die Serienautos umbauen. Der Ansatz ist chirurgisch, nicht kosmetisch.
Welche Technik lenkt wirklich?
Die meisten Betreiber setzen auf umgebaute Elektroautos, gespickt mit Sensoren, Kameras, Lidars — ein leiser Kranz aus Augen, der die Welt vermisst. Apollo Go wechselt gerade auf den Apollo RT6 der sechsten Generation: ein eigens konstruiertes Fahrzeug, irgendwo zwischen Crossover und Van, dessen Sensorik so sauber integriert ist, dass die Technik nicht mehr schreit — sie flüstert. Und das wirkt.
Pony.ai vertraut auf Toyota-Basisfahrzeuge mit massiven Sensorhüten am Dach — funktional, sichtbar, fast ein Statement. WeRide zeigte den GXR, einen Van ohne B-Säule, der das Einsteigen entkrampft. Innen viel Raum, viel Ruhe, dazu ein “vollständig redundantes” System — doppelt und dreifach gesichert, damit das Vertrauen nicht bei der ersten Schrecksekunde aussteigt.
| Unternehmen | Hauptfahrzeug | Technische Note |
|---|---|---|
| Waymo | Modifizierte Jaguar I-Pace | Hochauflösende LiDAR-Landschaft |
| Tesla | Serien-Model Y | Pure Vision — nur Kameras, der Rest bleibt zuhause |
| Zoox | Eigenentwickelter Autonomie-Pod | Beidseitig fahrbar, ohne klassische Front oder Heck |
Tesla wählt den härteren Grat: Der kommende Cybercab, laut Plan fürs zweite Quartal 2026, setzt einzig auf Kameras. Kein Radar, kein LiDAR, keine Ultraschallsensoren. Ein puristischer Zugang, der dem Rest der Branche — Multisensorik als Sicherheitsnetz — bewusst widerspricht. Wer so fährt, muss verdammt sicher sein, was er sieht. Oder sehr konsequent. Am besten beides.
Ein Weltmarkt, der sich gerade einpendelt
Waymo liegt bei Flottengröße und Einzelfahrten vorn. Punkt. Doch in Summe erzeugen die chinesischen Anbieter eine breitere globale Präsenz als die US-Seite — wie ein Chor, der lauter klingt als der beste Solist. Beide Lager schauen inzwischen ernsthaft nach Europa. Weil hier, Hand aufs Herz, ein lokaler Champion fehlt. Und weil die Straßen zwischen Lissabon und Lodz so herrlich widerspenstig sind, dass jede Software daran wächst.
Goldman Sachs rechnet damit, dass bis 2030 mehrere Millionen autonome Fahrzeuge unterwegs sein werden — potentiell rund zehn Prozent der Neuwagenverkäufe im Pkw-Segment. Das ist nicht nur eine Zahl, das ist eine tektonische Verschiebung: neue Geschäftsmodelle, andere Stadtplanung, veränderte Gewohnheiten. Kein Wunder, dass das Geld heute dorthin fließt, wo morgen die Fahrpläne geschrieben werden.
Am Ende ist es wie nach einer langen Nachtfahrt: Die Augen sind müde, der Kopf ist klar. Die Autonomie klopft nicht mehr an — sie steht schon im Vorraum und sucht nur noch den richtigen Schlüssel.
