HomeElektroautoWasserstoff vs. Elektro: CEO verteidigt – Geniestreich oder Strategiefehler?

Wasserstoff vs. Elektro: CEO verteidigt – Geniestreich oder Strategiefehler?

Es ist dieser Ton, den nur schwere Technik hat: ein leises Surren, dann das tiefe Atemholen einer Pumpe. In diesem Klima schreibt Karin Rådström, Vorstandschefin von Daimler Truck AG, auf LinkedIn eine Verteidigungsrede – nicht für den Akku, für den Tank. Wasserstoff als Lösung für die langen, schweren Strecken. Die Worte klingen engagiert, fast kämpferisch. Und doch, irgendwann zwischen Kurve und Kolonne, drängt sich die Frage auf: Passt das Bild zur Straße?

Die reinen Kilometer sind unbestechlich. Daimlers Brennstoffzellen-Prototypen haben in Summe 225.000 Kilometer im echten Verkehr abgerissen. Kein Pappenstiel – aber blass, wenn man daneben die Millionen E-Kilometer von Volvo, Renault oder sogar dem Kleinserienbauer Motiv legt. Da beginnt man zu lauschen: Trägt die Argumentation, wenn das Fahrtenbuch so dünn ist?

Die drei Säulen der Wasserstoff-Strategie bei Daimler

Rådström stellt drei Pfeiler hin, stabil wie Stützen in einer Laderampe. Erstens, sagt sie, wird Europas Stromnetz die Last von rund 6 Millionen E-Lkw nicht einfach so wegstecken – nicht ohne gewaltige Bauarbeiten im Hintergrund. 2.000 Wasserstoffstationen quer durch Europa aufzubauen, das sei einfacher, günstiger, schneller. In ihren Worten klingt das nach einer sauberen Linie auf der Landkarte.

Zweitens geht’s um Unabhängigkeit. Flüssiger Wasserstoff aus Nordafrika oder dem Nahen Osten – importiert wie früher Öl, nur sauberer – könnte Europas Energiehunger stillen, ohne an der heimischen Steckdose zu zerren. Und, so ihre Logik: Wenn man den Wasserstoff ohnehin heranschafft, warum ihn erst in Strom umwandeln, statt ihn gleich ins Fahrzeug zu schicken?

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Drittens führt sie die Technik an, die man auf der Achse spürt: mehr Nutzlast, längere Reichweite. Auf der Autobahn, bei Nacht, wenn Tonnen zählen und Minuten, sind das triftige Argumente. Ja, Batterien legen zu – Dichte rauf, Ladezeiten runter. Aber heute, hier, fährt Gewicht immer mit.

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Der Blick auf die Straße bremst die Thesen aus

Die Praxis hält dagegen, nüchtern wie ein Mautportal. 2024 standen in Europa bloß 265 Wasserstoffstationen bereit, und nur rund 40% davon taugen für schwere Lkw. Gleichzeitig meldet die Internationale Energieagentur beinahe 5 Millionen öffentliche Ladepunkte auf dem Kontinent. Die Basis ist also da – nicht perfekt, aber breit.

Dazu kommt der Haken an der Sache: Wasserstoff als Königsweg, weil angeblich günstiger und ohne Last fürs Netz? Schön wär’s. Produzieren, verflüssigen, transportieren, lagern – das alles frisst Investitionen und, ja, Strom. Viel Strom. Der Widerspruch sitzt am Tisch: das Stromnetz kritisieren, während man gewaltige Mengen Strom braucht, um den Wasserstoff überhaupt zu erzeugen.

  • Grüner Wasserstoff verschlingt etwa 3-mal so viel Energie wie das direkte Laden einer Batterie
  • Transport und Lagerung: technisch heikel, organisatorisch aufwendig, finanziell schwergewichtig
  • Tankstellenaufbau: pro Standort Investitionen im Millionenbereich
  • Wartung: spezielles Know-how, spezielles Personal – also knapp und teuer

Wenn Geld die Erzählung mitlenkt

Der Zeitpunkt ist kein Zufall, sagen die Spatzen von den Dächern. Daimler hat gerade 226 Millionen Euro Fördergeld aus Deutschland zugesprochen bekommen – für die Entwicklung von 100 Brennstoffzellen-Lkw. Eine schöne Starthilfe, die erklärt, warum der Ton so zuversichtlich ist, auch wenn die Kilometerbilanz noch schüchtern wirkt.

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Vielleicht steckt noch etwas anderes dahinter: Zeit gewinnen. Das Kerngeschäft mit konventionellen Antrieben wirft die größten Gewinne ab. Wenn man die Wende als „komplex“ zeichnet, mit vielen möglichen Pfaden, bleibt das Heute lukrativ, während man das Morgen in der Werkstatt neu sortiert. Ein alter Trick, elegant vorgetragen.

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Technologie Wirkungsgrad Infrastruktur heute Kosten pro Station
Elektrisch 85–90% ca. 5 Mio. Ladepunkte 50.000–200.000 €
Wasserstoff 25–35% 265 H2-Stationen 1–3 Mio. €

Technik von morgen kippt heutige Gewissheiten

Während wir diskutieren, dreht die Batteriewelt an der Stellschraube. Festkörperzellen – auch bei Mercedes ein Thema – versprechen mehr Energiedichte, geringere Ladezeiten, weniger Drama an der Säule. Wenn das hält, was die Labore flüstern, schrumpfen Reichweiten- und Nutzlastvorteile des Wasserstoffs spürbar zusammen.

Ironie des Moments: Daimler steckt parallel viel Geld in genau diese Batterietechnologien. Zwei Wege, eine Firma. Nach außen wirkt das wie ein Widerspruch, in der Tiefe ist es die Absicherung: die Hand am Lenkrad, der Blick auf beide Ausfahrten.

Rådströms Position zeigt die Zerrissenheit einer Branche, die mit Volllast in die Transformation fährt. Ökonomie auf der einen, Technik auf der anderen, Regulierung als Leitplanke – und dazwischen der Alltag, der keine Schlagzeilen macht. Ob Wasserstoff im Schwerlast-Kosmos wirklich eine feste Spur bekommt oder ob die Batterie am Ende still, aber unaufhaltsam vorbeizieht – das entscheidet sich nicht im Post, sondern auf der Strecke. In den nächsten Jahren. Und bei Regen.

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antoine Bouquet
antoine Bouquet
Antoine Bouquet ist Redakteur bei MotorNews, wo er seine Leidenschaft für Autos mit seinen soliden journalistischen Fähigkeiten verbindet, die er sich im Laufe seiner akademischen Laufbahn angeeignet hat. Er hat an der Universität Paris-Sorbonne einen Master in Journalismus und Kommunikation absolviert und sich an der Journalistenschule in Lille auf Automobiljournalismus spezialisiert, wodurch er in seinen Texten journalistische Genauigkeit und technisches Fachwissen vereinen kann. Mit seiner mehrjährigen Erfahrung in der Fachpresse ist Antoine für seine Fähigkeit bekannt, die neuesten Innovationen in der Automobilbranche gründlich zu analysieren und diese Informationen gleichzeitig für ein breites Publikum zugänglich und interessant zu machen. Seine Arbeit deckt ein breites Themenspektrum ab, das von Fahrzeugtests über neue Technologien bis hin zu Marktentwicklungen und Umweltfragen der Branche reicht. Für weitere Fragen oder eine Zusammenarbeit können Sie ihn per E-Mail kontaktieren : antoine.bouquet@motornews.fr
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