Inhalt
Die Schlagzeile hat sich in wenigen Tagen über das ganze Land verbreitet. Sie stützt sich auf 14 Präsentationsfolien, die das Institut Economica unter dem Ökonomen Christian Helmenstein am 20. Oktober im Auftrag der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) vorgestellt hat [1]. Seither wird gestritten, ob diese Rechnung trägt, zuletzt mit einer Klagsdrohung von Greenpeace [3][4]. Für Autofahrer zählt eine einfachere Frage: Was davon landet wann an der Zapfsäule, und welche Rolle spielt der CO2-Preis, der ab 2028 über den europäischen Emissionshandel läuft?
Die 95 Cent der WKÖ-Studie sind kein CO2-Preis
Die Studie rechnet nicht mit einer CO2-Abgabe, sondern mit dem geplanten Erneuerbare-Energien-Gesetz Verkehr (EEG-V). Mit ihm will das Verkehrsministerium die EU-Richtlinie RED III umsetzen, die Ölfirmen vorschreibt, einen wachsenden Teil ihres Treibstoffs durch erneuerbare Energie zu ersetzen, etwa Biodiesel, Bioethanol oder Ladestrom. Die EU verlangt bis 2030 einen Erneuerbaren-Anteil von 29 Prozent im Verkehr oder 14,5 Prozent weniger Treibhausgas [1]. Der österreichische Entwurf geht weiter: 18 Prozent schon 2027, 35 Prozent 2030 und 65 Prozent 2035 [5].
Gerade aktuell
Der VW ID. Polo kostet in Österreich fast so viel wie in Deutschland, nur die staatliche Prämie bis 6.000 Euro für das deutsche Auto des Jahres fehlt hier
Ein Handy auf dem Blitzerfoto kostet Autofahrer in Österreich schon heute bis zu 140 Euro, doch die vom VCÖ geforderten Handyblitzer erlaubt die StVO noch nicht
Economica vergleicht zwei Wege. Setzt Österreich nur das EU-Mindestmaß über das Treibhausgas-Ziel um, steigt Diesel bis 2035 um 31 Cent je Liter. Mit dem EEG-V wären es 1,26 Euro. Die Differenz, 95 Cent beim Diesel und 86 Cent beim Benzin, ist die Zahl aus den Schlagzeilen [1]. Für 2030 weist die Studie einen Unterschied von 40 Cent beim Diesel aus [1]. Die WKÖ schreibt selbst dazu: Das seien „modellierte Unterschiede zwischen zwei Szenarien, keine Aufschläge auf heutige Tankstellenpreise“, gerechnet auf Preisbasis 2026 [2].
Auf einen Tank von 50 Litern umgelegt, sind 95 Cent 47,50 Euro. Über eine CO2-Abgabe ließe sich ein solcher Aufschlag nur mit einem Preis von mehr als 300 Euro je Tonne zusätzlich erreichen, über das Fünffache des heutigen Satzes (Rechnung der Redaktion [15]).
Was der CO2-Preis heute pro Tankfüllung kostet
Der CO2-Preis in Österreich heißt offiziell nationaler Emissionszertifikatehandel (NEHG). Unternehmen, die Treibstoff in Österreich herstellen oder einführen, zahlen seit 2025 einen festen Preis von 55 Euro je Tonne CO2 und geben ihn über den Literpreis weiter. Weil die EU den Start ihres neuen Emissionshandels um ein Jahr verschoben hat, bleibt dieser Fixpreis laut Finanzministerium auch 2026 und 2027 gleich [7]. Der ÖAMTC beziffert ihn mit 16,5 Cent je Liter Diesel und 15 Cent je Liter Benzin, jeweils mit Umsatzsteuer [8]. Den Klimabonus, der den CO2-Preis bis 2024 ausgleichen sollte, gibt es seit 2025 nicht mehr [8].

Mit den Emissionsfaktoren des Umweltbundesamts lässt sich das auf den Tank umrechnen. Ein Liter Diesel samt der üblichen Bio-Beimischung setzt beim Verbrennen knapp 2,5 Kilogramm CO2 frei [9]. Ein 50-Liter-Tank sind damit 124 Kilogramm, beim Benzin 108 Kilogramm. Daraus ergeben sich mit Umsatzsteuer 8,20 Euro CO2-Preis pro Tankfüllung Diesel und 7,15 Euro beim Benzin.
Wer im Jahr 12.000 Kilometer mit einem Diesel fährt, der sechs Liter auf 100 Kilometer braucht, tankt 720 Liter. Der CO2-Preis kostet ihn 2027 also rund 118 Euro, gleich viel wie heuer.

Ab 2028 bestimmt der EU-Emissionshandel ETS2 den Preis
Am 1. Jänner 2028 löst der europäische Emissionshandel für Gebäude und Verkehr, kurz ETS2, das österreichische System ab [7][10]. Dann legt nicht mehr der Staat den Preis fest, er entsteht bei Versteigerungen von Zertifikaten. Die ersten Auktionen sind schon für den 18. Jänner 2027 angesetzt, die Zertifikate gelten aber für Treibstoff, der ab 2028 verkauft wird [13]. Die Österreichische Energieagentur rechnet mit ersten Auswirkungen auf ihren CO2-Preisindex im ersten Quartal 2027 [14]; gesetzlich gilt bis Ende 2027 der Fixpreis.
Ganz frei schwanken soll der Preis nicht. Steigt er über 45 Euro je Tonne in Preisen von 2020, gibt die EU zusätzliche Zertifikate aus einer Reserve frei. Die EU-Staaten haben diese Menge am 9. Oktober auf 40 Millionen verdoppelt [11]. Mit der Inflation laut Eurostat entspricht die Schwelle in Preisen von 2025 rund 56,50 Euro [12][15]. Eine Obergrenze ist das nicht: Mehr Zertifikate drücken auf den Preis, verbieten aber keinen höheren.
| Jahr und CO2-Preis je Tonne | Diesel, 50 Liter | Benzin, 50 Liter |
|---|---|---|
| 2026 und 2027: Fixpreis 55 € | 8,20 € | 7,15 € |
| 2028: Analysten-Schätzung rund 50 € | 7,46 € | 6,50 € |
| 2028: EU-Bremsschwelle, rund 56,50 € | 8,43 € | 7,35 € |
| 2032: Analysten-Schätzung rund 90 € | 13,42 € | 11,70 € |
| Zum Vergleich: WKÖ-Studie 2035, kein CO2-Preis | 47,50 € | 43,00 € |
Analysten rechnen laut dem Branchendienst Carbon Pulse für 2028 mit rund 50 Euro je Tonne und bis 2032 mit einem Anstieg auf 90 Euro [13]. Der CO2-Preis pro Tankfüllung Diesel läge dann 2028 mit 7,46 Euro sogar etwas unter dem heutigen Wert und erreichte 2032 rund 13,42 Euro. Für unseren Vielfahrer mit 720 Litern wären das bei 90 Euro je Tonne 193 Euro im Jahr. Die 95 Cent aus der WKÖ-Studie würden ihn bei gleichem Verbrauch 684 Euro im Jahr kosten.
Warum Forschende und Greenpeace an der Studie zweifeln
Dass die Zahl so hoch ausfällt, hat mit den Annahmen zu tun. Die Preise für erneuerbaren Treibstoff stammen laut den Folien aus Prognosen von Industrie und Handel, deren Kalkulation Geschäftsgeheimnis ist [1]. Die Ökonomin Sigrid Stagl und der Ökonom Karl Steininger kritisierten in der „Presse“: „Kein Methodenteil, keine Elastizitäten, keine Sensitivitätsanalyse.“ [3] Sie weisen außerdem darauf hin, dass die 65 Prozent eine gewichtete Quote sind, in der Ladestrom vierfach zählt, und dass der Spitzenwert nur entsteht, wenn die EU-Vorgaben nach 2030 unverändert bleiben [5]. Economica selbst schreibt auf den Folien, dass eine Fortsetzung der RED III nach 2030 angenommen und eine mögliche Nachfolgerichtlinie nicht berücksichtigt wird [1].
„Was die WKO als wissenschaftliche Studie verkauft, ist in Wahrheit eine 14-seitige Foliensammlung ohne nachvollziehbare methodische Substanz.“
Adam Pawloff, Programmdirektor von Greenpeace Österreich [3]
Greenpeace will die vollständige Studie über das Umweltinformationsgesetz und das Informationsfreiheitsgesetz einklagen [3]. Helmenstein weist das zurück: Die Untersuchung habe vier Module, zwei davon seien fertig und präsentiert, die Langfassung komme, sobald die übrigen abgeschlossen seien [3][4]. Das Verkehrsministerium nennt die errechneten Aufschläge „massiv überhöht“ und hat bei der Österreichischen Energieagentur eine eigene Berechnung bestellt, deren Ergebnis noch aussteht [6].
Wen höhere Spritpreise am stärksten treffen, steht auf den Folien ebenfalls. In manchen Berichten heißt es, die untersten Einkommen würden viermal so stark belastet. Laut Economica ist es umgekehrt: Das reichste Fünftel der Haushalte zahlt in Euro rund viermal so viel wie das ärmste, gemessen am Einkommen sind es aber 0,52 gegen 0,93 Prozent [1]. Für Unternehmen errechnet die Studie 2035 rund 2,2 Milliarden Euro Mehrkosten im Jahr [1].

Biosprit steckt schon heute im Literpreis
Ein Detail der Folien geht in der Debatte unter: Die Pflicht zur Beimischung ist längst im Literpreis enthalten. In einem Rechenbeispiel, das Economica ausdrücklich als „fiktiv“ bezeichnet, entfallen von einem Liter Diesel um 2,09 Euro 14,4 Cent auf Biokraftstoffe, Nachweise und Ausgleichszahlungen, also 6,9 Prozent des Preises [1]. Der CO2-Preis macht im selben Beispiel 7,8 Prozent aus [1]. Pro Tankfüllung wären das 7,20 Euro für die Quote neben rund 8 Euro für das CO2.
Wie teuer die Quote künftig wird, hängt deshalb weniger am Emissionshandel als an der Frage, wie hoch Österreich die Latte im EEG-V legt und welche Energieträger es anrechnet. Laut Ministerium befand sich der Entwurf zuletzt in politischer Abstimmung zwischen den Koalitionsparteien und soll noch im Herbst in Begutachtung gehen [5][6].

Den CO2-Preis ab 2028 entscheidet dagegen der europäische Markt, mit einer Bremse über die Reserve. Bei den heutigen Schätzungen bleibt er pro Tankfüllung im Bereich von 7 bis 13 Euro, die Spanne zwischen den Analysten-Werten für 2028 und 2032 [13][15].
Quellen und Referenzen
[1] Economica im Auftrag der Wirtschaftskammer Österreich — Volkswirtschaftliche Effekte des Erneuerbare Energien Gesetzes – Verkehr (EEG-V) in Österreich, Präsentation, 20. Oktober 2026 (Folien 5 bis 13)
https://www.wko.at/oe/energie/261020_wko-eeg--v_pk-ecov.pdf
[2] Wirtschaftskammer Österreich — EEG-V: Studie zu volkswirtschaftlichen Auswirkungen des Gesetzesentwurfs, Fragen und Antworten, Stand 20. Oktober 2026
https://www.wko.at/energie/eegv-studie
[3] ORF — Greenpeace kritisiert Klimastudie der Wirtschaftskammer scharf, 4. November 2026
https://orf.at/stories/3447180
[4] Kronen Zeitung — 95 Cent teurer? Kritik an Spritpreis-Studie wird lauter und lauter, 4. November 2026
https://www.krone.at/4361829
[5] Börse Express — Erneuerbare-Energien-Gesetz Verkehr: Diesel könnte bis 2035 95 Cent teurer werden, 4. November 2026
https://www.boerse-express.com/news/articles/erneuerbare-energien-gesetz-verkehr-diesel-koennte-bis-2035-95-cent-teurer-werden-958979
[6] MeinBezirk — Debatte um Spritpreise: Verkehrsministerium widerspricht WKÖ bei drohenden Mehrkosten, 20. Oktober 2026
https://www.meinbezirk.at/c-politik/verkehrsministerium-widerspricht-wkoe-bei-drohenden-mehrkosten_a8966751
[7] Bundesministerium für Finanzen — NEHG 2022: Entwicklung und Handelsphasen, letzte Aktualisierung 18. Februar 2026
https://www.bmf.gv.at/themen/klimapolitik/carbon-markets/nationales-emissionszertifikatehandelsgesetz-2022-(NEHG-2022)/entwicklung-und-handelsphasen.html
[8] ÖAMTC — Mineralölsteuer & CO2-Bepreisung
https://www.oeamtc.at/thema/verkehr/mineraloelsteuer-co2-bepreisung-17914742
[9] Umweltbundesamt — Harmonisierte österreichische direkte und vorgelagerte THG-Emissionsfaktoren für relevante Energieträger und Technologien, Datenstand 2025, REP-0989, Tabelle 7
https://www.umweltbundesamt.at/fileadmin/site/publikationen/rep0989.pdf
[10] Europäische Kommission — ETS2: buildings, road transport and additional sectors
https://climate.ec.europa.eu/areas-action/carbon-markets/ets2-buildings-road-transport-and-additional-sectors_en
[11] Rat der Europäischen Union — ETS2: Council signs off on rules strengthening the market stability reserve, 9. Oktober 2026
https://www.consilium.europa.eu/en/press/press-releases/2026/10/09/ets2-council-signs-off-on-rules-strengthening-the-market-stability-reserve/
[12] Eurostat — HICP, Jahresdurchschnitt, Index EU, Gesamtindex (prc_hicp_aind): 106,20 für 2020, 133,42 für 2025
https://ec.europa.eu/eurostat/databrowser/view/prc_hicp_aind/default/table
[13] Carbon Pulse — EU ETS2 prices seen rising to €90 by 2032 as auctions start in January, 6. Oktober 2026
https://carbon-pulse.com/557713
[14] Österreichische Energieagentur — ÖGPI Plus CO2, Gas-Plus-Emissionspreisindex, 23. September 2026
https://www.energyagency.at/fakten/oegpi-plus-co2
[15] Berechnung Motor News: CO2 je Liter = direkte Emissionen laut [9] (Diesel 254 g/kWh × 11,65 kWh/kg × 0,84 kg/l = 2,49 kg; Benzin 258 × 11,20 × 0,75 = 2,17 kg) mal CO2-Preis mal 1,2 (Umsatzsteuer) mal 50 Liter; Schwelle 45 € × 133,42 / 106,20 laut [12]; CO2-Preis für 95 Cent = 0,95 € / 1,2 / 2,49 kg; Jahresbeispiel 12.000 km bei 6 l/100 km = 720 Liter



